Worum geht es in „Der Weg des Schamanen”?
Michael Harner war Professor für Anthropologie an der New School in New York, als ihn Feldforschungen bei indigenen Völkern – insbesondere den Jívaro im Amazonas – selbst zum praktizierenden Schamanen machten. Er erkannte, dass schamanische Techniken keine kulturellen Kuriositäten sind, sondern universelle menschliche Fähigkeiten, die jeder erlernen kann.
Sein Buch destilliert den Kern des Schamanismus – befreit von kulturellen Besonderheiten – in ein praktisches Übungssystem. Die zentrale Methode: die schamanische Reise, ein veränderter Bewusstseinszustand, der durch rhythmisches Trommeln induziert wird und Zugang zu spirituellen Dimensionen ermöglicht.
„Schamanismus ist keine Religion, sondern eine Methode der direkten spirituellen Erfahrung.”
Harner gründete die Foundation for Shamanic Studies, die sein System weltweit lehrt – ohne die Notwendigkeit, sich einer bestimmten kulturellen Tradition anzuschließen. Das Buch ist das Lehrwerk dieser Methode.
Die Kernbotschaften
Jeder kann schamanisch reisen
Eine der befreiendsten Einsichten des Buches: Schamanische Fähigkeiten sind keine angeborene Begabung weniger Auserwählter, sondern eine grundlegende menschliche Fähigkeit. Mit etwas Übung und der richtigen Anleitung kann jeder lernen, in veränderte Bewusstseinszustände zu reisen und dort Unterstützung zu finden.
Die drei Welten des Schamanismus
Harner beschreibt das schamanische Kosmos-Modell der drei Welten, das sich in ähnlicher Form in nahezu allen schamanischen Kulturen findet:
- Unterwelt: Der Ort, an dem Krafttiere, spirituelle Helfer und verlorene Seelenanteile zu finden sind. Hier beginnt die schamanische Reise – über eine Öffnung in der Erde, eine Höhle oder eine Wurzel.
- Mittelwelt: Unsere physische Realität, jedoch in ihrer spirituellen Dimension erlebt. Hier kann der Reisende Orte erkunden, Heilung aus der Ferne senden oder verschwundene Gegenstände finden.
- Oberwelt: Der Bereich jenseits der Wolken, bewohnt von erhabenen spirituellen Lehrern, kosmischen Wesen und verstorbenen Meistern. Zugang über einen Aufstieg an einem Baum, Regenbogen oder Rauch.
Das Krafttier
Ein zentrales Element des Harnerschen Systems ist die Begegnung mit dem persönlichen Krafttier in der Unterwelt. Krafttiere sind spirituelle Helfer in Tiergestalt, die Schutz, Kraft und Weisheit vermitteln. Sie sind keine Projektionen, sondern eigenständige spirituelle Wesenheiten.
Harner leitet den Leser Schritt für Schritt zur Begegnung mit dem eigenen Krafttier an – eine Erfahrung, die für viele Menschen zutiefst bewegend und transformierend ist.
Schamanische Heilung
Das Buch stellt mehrere universelle Heiltechniken vor, darunter:
- Extraktions-Heilung: Das Entfernen fremder, krankmachender Energien aus dem Körper
- Seelenrückholung: Das Wiederfinden und Zurückbringen verlorener Seelenanteile, die durch Traumata abgespalten wurden
- Krafttier-Rückholung: Die Wiederherstellung der Verbindung zu einem verlorenen Krafttier
Praktische Umsetzung
Das Besondere an Harners Buch ist der konsequent praktische Ansatz. Es liest sich nicht nur als theoretische Abhandlung, sondern als Übungsbuch:
- Trommel-CD: Der Originalausgabe liegt eine CD mit schamanischen Trommelrhythmen bei, die für die Reise benötigt werden. Alternativ sind die Aufnahmen online verfügbar.
- Schritt-für-Schritt-Anleitungen: Jede Übung wird detailliert beschrieben: Vorbereitung, Durchführung, Rückkehr, Integration.
- Tagebuchführung: Harner empfiehlt, jede Reise unmittelbar danach zu protokollieren – ein essenzieller Bestandteil der Methode.
Für wen ist dieses Buch geeignet?
Das Buch ist ein universeller Einstieg in die schamanische Praxis. Es erfordert keine Vorkenntnisse, keinen Glauben an bestimmte Konzepte und keine Zugehörigkeit zu einer spirituellen Tradition. Was es erfordert, ist die Bereitschaft, die eigene Wahrnehmung zu erweitern.
| Zielgruppe | Eignung |
|---|---|
| Spirituelle Anfänger | Perfekt – praktischer Einstieg ohne Voraussetzungen |
| Erfahrene Meditierende | Bereichernd – erweitert Meditation um Reise-Erfahrungen |
| Skeptiker | Zugänglich – wissenschaftlicher Anthropologe als Autor |
| Therapeutisch Tätige | Wervoll – Heiltechniken als Ergänzung |
Über Michael Harner
Michael Harner (1929–2018) war ein US-amerikanischer Anthropologe und Autor. Er promovierte an der University of California, Berkeley, und lehrte an der Yale University sowie der New School for Social Research in New York.
Seine Feldforschungen führten ihn in den Amazonas-Regenwald, zu den Sami in Lappland und zu schamanischen Kulturen in Zentralasien. Die Begegnung mit den Jívaro (Shuar) im Amazonas wurde zum Wendepunkt: Er erlebte schamanische Heilung am eigenen Leib und begann selbst zu praktizieren.
1979 gründete er die Foundation for Shamanic Studies, die bis heute weltweit Kurse anbietet und sich für den Erhalt indigener schamanischer Traditionen einsetzt. „Der Weg des Schamanen” erschien erstmals 1980 und gilt als das einflussreichste westliche Buch zum Thema.